Bohlingen diskutiert über die Lebensqualität im dorf

Das Kulturforum Bohlingen (Vorsitz: Manfred Siegwarth) veranstaltete am 26. Mai 2017 eine Podiumsdiskussion zum Thema "Lebensqualität Dorfgemeinschaft" mit Oswald Metzger, Ruth Baumann, Claudius Stoffel und Moderator Manfred Siegwarth. Dabei ging es teilweise hoch her. Der folgende Artikel stammt aus dem Singener Wochenblatt (Online-Veröffentlichung vom 29.05.2017).

Text und Bild: Dominique Hahn

Bohlingen. Das Leben im Dorf ist etwas ganz besonderes. Darüber waren sich alle Teilnehmer der Podiumsdiskussion zum Thema "Lebensqualität Dorfgemeinschaft" einig. Geladen hatte das Kulturforum Bohlingen. Viele interessierte Bürger waren gekommen, darunter auch zahlreiche Vertreter aus der Politik. Oswald Metzger, der erst für die Grünen, dann für die CDU in der Landes- und Bundespolitik aktiv war, Ruth Baumann, die Präsidentin des "Landesverbands der Arbeitskreise Unternehmerfrauen im Handwerk Baden-Württemberg" und der ehemalige Freiburger Dompfarrer und gebürtige Bohlinger, Claudius Stoffel, diskutierten mit Manfred Siegwarth vom Kulturforum Bohlingen die Frage, wie ein lebendiges Dorfleben angesichts der sich immer schneller verändernden Rahmenbedingungen erhalten werden kann.

"In einer Welt, die immer anonymer wird, ist das kommunikative Element das Entscheidende, was das Dorfleben ausmacht", betonte Metzger. Im Dorf kennt man sich untereinander, man grüßt sich, man redet miteinander. Kristallisationspunkte für die Kommunikation im Dorf sind der Dorfladen, die Bankfiliale, die Wirtschaften. Moderator Manfred Siegwarth hakte deshalb nach: "Was ist wenn diese Infrastruktur weg bricht, wie es in vielen Dörfern schon passiert ist?" Bei der Antwort waren sich Metzger und Baumann einig. Die vorhandene Infrastruktur muss natürlich genutzt werden, nur so kann sie erhalten werden. "Wer zum Einkaufen auf die grüne Wiese fährt darf sich anschließend nicht beklagen, wenn der Laden im Dorf schließen muss", erklärte Metzger.

Pfarrer Claudius Stoffel beleuchtete die Probleme aus kirchlicher Sicht. "Schließlich sind die Probleme der Gesellschaft auch die Probleme der Kirche", betonte er. Auch die Kirche befindet sich zurzeit in einer Situation des Umbruchs. Das Personal ist knapp, Gemeinden müssen größer werden, die Betreuung wird dadurch nicht selten unpersönlicher. Gerade in der Kirchengemeinde Aachtal hat man damit in den letzten Monaten ohne Pfarrer schmerzliche Erfahrung sammeln können. Pessimismus wird dieses Problem allerdings nicht lösen, meint Stoffel. Er schlug vor mit den Problemen, die sich in den nächsten Jahren ergeben werden, kreativ umzugehen. "Man darf nicht immer warten bis eine Lösung von oben kommt", betonte er.

Ein weiteres Thema das angesprochen wurde war das Zusammenleben der Generationen, auch im Hinblick auf drohende Altersarmut. Claudius Stoffel hat in dieser Hinsicht gute Erfahrungen mit Gruppen von Firmlingen gemacht, die sich in der Betreuung alter Menschen engagiert haben. "Wichtig ist, dass man die Menschen zusammenführt", erklärte er. Dass auch in den Vereinen, die ohnehin zum großen Teil das Dorfleben tragen, die Zusammenarbeit der Generationen funktioniert, betonte Manfred Siegwarth. Er fragt sich allerdings, warum die Vereine, die so wichtig für die Gesellschaft sind mit Bürokratischen und finanziellen Auflagen geplagt werden. Nach der anderthalbstündigen Diskussion gab es noch Gelegenheit für Fragen aus dem Publikum.

Tobias Müller bemerkte, dass viele Junge Menschen das Dorf verlassen müssen, weil es schlicht nicht genügend Wohnungen und kaum Platz zum Bauen gibt. Ein Punkt der große Beachtung fand. Nicht zuletzt im Hinblick darauf, dass es fast 20 Jahre gedauert hat, bis in Bohlingen nun endlich ein neues Baugebiet erschlossen wurde. "Das sind häufig auch bürokratische Probleme", merkte Ruth Baumann an. "Je größer eine Verwaltung wird, desto bürokratischer wird alles." Oswald Metzger fügte hinzu, dass man da als Dorfgemeinschaft einfach auch mal Druck ausüben müsse um einen "Reibungspunkt" für die Verwaltung zu erzeugen. Insgesamt war der Tenor der Diskussion, dass man etwaige Probleme mit Optimismus angehen muss und keine Angst vor kleinen Veränderungen haben sollte. Moderator Siegwarth schloss den Abend mit der Bemerkung, dass er nicht die Erwartung hatte alle angesprochenen Probleme gleich an diesem Abend lösen zu können. Er möchte aber eine "Denkerstube" einrichten, die sich dreimal pro Jahr treffen soll, um diese Probleme im Auge zu behalten.